Du trägst Perücke oder Haarteil und fühlst dich damit fast wieder wie früher. Den Tag über gewöhnst du dich bei jedem Blick in den Spiegel an diese Version von dir mit vollem Haar. Und dann stehst abends im Badezimmer, nimmst den Haarersatz ab und innerhalb weniger Sekunden verändert sich dein Spiegelbild komplett. Eine Followerin auf TikTok beschreibt es ganz treffend:
[Und jeden Abend kommt dann die bittere Entzauberung beim Abnehmen 🥲]
Ich glaube man muss selbst Haarersatz tragen um zu verstehen, was dieser Moment mit einem macht.
Eine Perücke kann helfen, aber sie ist nicht dasselbe wie eigenes Haar
Manchmal dauert es ewig, bis man sich dazu durchringt, Perücke oder Haarteil zu tragen. Aber wenn man dann etwas gefunden hat, mit dem man sich wohlfühlt gewöhnt man sich erstaunlich schnell an dieses „neue Ich“. So sehr, dass dieses Spiegelbild mit Haar das neue normal wird.
Genau das ist ja auch das Ziel einer Perücke oder eines Haarteils – du siehst es nicht mehr als Fremdkörper, sondern als Teil von dir. Umso schmerzhafter ist es dann, diesen Kontrast am Abend auszuhalten. Plötzlich holt dich die Realität mit aller Macht wieder ein.
Du kannst deine Perücke lieben und diesen Moment trotzdem hassen
Ich finde es ist sehr wichtig, darüber zu sprechen, weil rund um Haarausfall oft sehr schnell versucht wird, negative Gefühle positiv umzudeuten.
Nein, Haarausfall ist nicht toll. Nein, Haarersatz wird nie so leicht und unkompliziert wie dein eigenes Haar sein und du darfst auch traurig darüber sein, dass du Haarersatz tragen „musst“.
Gerade Freunde und Familie wollen einen unterstützen und sagen oft Sätze wie: Du bist auch ohne Haare schön, deine Haare definieren dich nicht als Person!
Und das ist alles vollkommen richtig, aber wenn man selbst betroffen ist, fühlt man das oft nicht. Vielleicht möchte ich das im Moment ja nicht akzeptieren, vielleicht möchte ich mich ohne Haare nicht schön finden müssen. Vielleicht bin ich im Moment einfach noch traurig über diese Veränderung in meinem Leben, bei der ich kein Mitspracherecht hatte.
Wenn das deine Gedanken sind, dann ist das absolut ok so! Akzeptanz einer Situation bedeutet nicht, dass man sich darüber freuen muss. Manchmal reicht es auch schon, wenn du es schaffst, den Blick in den Spiegel auszuhalten, ohne dich selbst dafür zu verurteilen.
Welche Version bin eigentlich ich? Die mit Haaren oder die ohne?
Darin sehe ich eine der größten Herausforderungen beim Tragen von Haarersatz: Es existieren zwei sehr unterschiedliche Bilder von mir. Da ist die Frau, die ich tagsüber im Spiegel sehe. Sie hat volles, gesundes und wunderschönes Haar. Und dann ist da die Frau, die ich abends im Spiegel sehe – mit schütterem Haar.
Welche davon bin ich? Für mich war es wichtig zu verstehen, dass ich mich nicht für eine Version entscheiden muss. Die Frau mit Perücke bin genauso ich wie die Frau ohne. Meine Perücke ist keine Verkleidung und sie macht die Version von mir, die andere Menschen jeden Tag sehen, nicht weniger echt.
Gleichzeitig verschwindet mein Haarausfall nicht dadurch, dass ich Haarersatz trage. Auch diese Realität gehört zu mir – auch wenn ich sie mir so selbst nicht ausgesucht hätte.
Nach über 20 Jahren mit Haarersatz kann ich dir sagen, wie ich es empfinde: Diese Frau mit schütterem (und inzwischen grau durchzogenem) Haar im Spiegel bin auch ich. Finde ich mich ohne Perücke schön? Nein. Aber ich finde mich ok und das ist schon ein riesiger Fortschritt für mich.
Ich blicke nach dieser langen Zeit endlich nicht mehr mit Ablehnung auf mein Ich ohne Haarersatz. Ich muss diese Version von mir nicht um jeden Preis schön finden, es reicht mir, ihr neutral gegenüberzustehen. Vielleicht kann das auch ein realistischeres Ziel für dich sein.
Was hilft, wenn das Absetzen jeden Abend wehtut?
Die Zeit. Das klingt abgedroschen (á la „die Zeit heilt alle Wunden“), aber es ist so. Je länger man mit einer neuen Situation lebt, desto mehr gewöhnt man sich daran – auch wenn es anders oder sogar schlechter ist als vorher.
Es hilft aber auf jeden Fall, offen für diese Veränderung zu sein oder sich zumindest nicht aktiv zu verschließen. Konkret meine ich damit: Suhle dich nicht in deinem Elend.
Das klingt erst einmal hart und das ist es auch.
Ich meinte damit nicht: „Anderen geht es viel schlechter als dir, reiß dich mal zusammen“.
Mir geht es darum, dass du dich nicht immer wieder in denselben schmerzhaften Gedanken verlierst. Natürlich darfst du traurig sein und deinem früheren Haar nachtrauern. Aber wenn du bei jedem Blick in den Spiegel gedanklich wieder bei dem landest, was du verloren hast, machst du es dir selbst noch schwerer.
Je schneller du eine veränderte Situation akzeptierst (und damit meine ich nicht, dass du dich darüber freuen musst!), desto weniger schmerzhaft wird es für dich.
Wenn das anfangs bedeutet, dass du ohne Haarersatz nicht so oft in den Spiegel schaust, dann ist das in Ordnung. Beobachte dein Inneres – hast du negative Gedanken zu deinem Haarverlust oder deinem Aussehen? Lasse nicht zu, dass deine Aufmerksamkeit sich daran festbeißt. Nimm es kurz zur Kenntnis und lasse diese Gedanken dann wieder los.
Das ist einfach gesagt, erfordert aber eine Menge Übung! Was mir persönlich dabei geholfen hat, solche Gedankenschleifen zu unterbrechen ist Meditation. Ich habe dadurch gelernt, nicht jedem negativen Gedanken automatisch meine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Nur weil ein Gedanke auftaucht, muss ich mich nicht minutenlang mit ihm beschäftigen.
Eventuell ist es dir selbst schon einmal aufgefallen – die meisten unserer Gefühle entstehen durch einen spezifischen Gedanken. Sie kommen nicht aus dem luftleeren Raum, sondern werden durch einen Satz in deinem Kopf getriggert. Wenn du es also schaffst, deine Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu richten, wird das in deinem Gefühlsleben einen riesen Unterschied machen.
Wenn du dich mit diesem Thema näher beschäftigen möchtest, habe ich noch eine persönliche Buchempfehlung für dich: „Du bist nicht, was du denkst“ von Georg Lolos.
Dieses Buch hat mir sehr dabei geholfen, einen anderen Umgang mit meinen Gedanken und Gefühlen zu finden. Nicht nur in Bezug auf meinen Haarausfall, sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen.
Es wird vielleicht nicht wie früher – aber es kann trotzdem gut sein
Aber ich will ganz ehrlich sein – was mir auch geholfen hat sind 20 Jahre Zeit, um mich mit dieser Situation zurechtzufinden, eine Berufung, zu der ich nur durch den Haarausfall gekommen bin und ein Partner, der mich ohne wenn und aber annimmt – egal ob mit oder ohne Haar.
Allerdings wusste ich mit Anfang zwanzig auch nicht, wohin mich meine Reise führt und dass am Ende doch alles gut wird.
Und vielleicht ist das etwas, das ich dir mit auf den Weg geben kann: Nur weil sich eine Situation heute unerträglich anfühlt, bedeutet das nicht, dass du dich für immer so fühlen wirst. Du weißt noch nicht, was das Leben für dich bereithält, welche Menschen dir begegnen werden und wie sich dein Blick auf dich selbst mit der Zeit verändern kann.
Ich kann dir nicht versprechen, dass du deinen Haarausfall irgendwann akzeptieren oder dich ohne Haarersatz schön finden wirst. Aber ich wünsche dir, dass irgendwann der Tag kommt, an dem du abends deine Perücke oder dein Haarteil absetzt, in den Spiegel schaust und einfach nur denkst: „Das bin ich. Und das ist okay so.“
