Haarersatz: Die Angst vor Entdeckung

Sag mal, trägst du eine Perücke? 5/5 (2)

Wer ein Haarteil oder eine Perücke trägt, kennt das Gefühl: Die ständige Angst vor Entdeckung. Ich erinnere mich noch gut daran, wie in Gesprächen mit anderen ihre Augen regelmäßig zum Haaransatz wanderten, für eine Millisekunde dort hängen blieben und wieder zurückwanderten. Das hat mich jedes Mal so stark verunsichert, dass ich am liebsten sofort das Gespräch abgebrochen und mich verkrochen hätte.

Noch schlimmer fühlt es sich an, wenn man vor anderen auf den Haarersatz angesprochen wird. Die Scham, die man in diesen Momenten fühlt, möchte einen am liebsten im Erdboden versinken lassen. Mal abgesehen davon, dass es völlig unsensibel ist, Personen auf ein derart privates Thema öffentlich anzusprechen – man kann die anderen nicht ändern, nur sich selbst beziehungsweise den Umgang mit gewissen Themen.

Es wird immer wieder Personen geben, die nicht empathisch sind oder einen sogar absichtlich vorführen und verletzen wollen. Damit euch solche Bemerkungen nicht mehr treffen, müsst ihr etwas an eurer Einstellung zum Thema ändern.

Offenheit als Schutzschild

Ich habe es schon an anderer Stelle erwähnt: Das Zitat von Tyrion Lannister aus Game of Thrones zum Thema Selbstakzeptanz. „Never forget what you are, the rest of the world will not. Wear it like armour and it can never be used to hurt you.“ Wer seine vermeintlichen Unzulänglichkeiten offen kommuniziert, ist nicht mehr angreifbar.

Ich habe diese Entscheidung zur Offenheit Anfang 2018 getroffen – und nie bereut. All die Jahre zuvor waren die Themen Haarausfall und Haarersatz für mich stark schambehaftet. Es wäre mein schlimmster Albtraum gewesen, wenn mich jemand darauf angesprochen hätte (und das ist in den 12 Jahren Haarersatz einige Male vorgekommen). Zusätzlich habe ich mich auch nicht als vollwertige Frau gefühlt – wie eine Mogelpackung, die vorgibt etwas zu sein, was sie gar nicht ist. Kurz gesagt – es war ein hochgradig unangenehmes Thema für mich.

Zum Haarausfall stehen: Leichter gesagt, als getan

Ja, es ist schwer! Es ist schwer, die eigene Verletzlichkeit nach außen zu tragen, wenn doch die intuitive Reaktion wäre, das Ganze zu verstecken und niemanden an sich heran zu lassen. Ich kann aber aus eigener Erfahrung sagen, dass sich dieser Schritt lohnt. Es ist eine unglaubliche Befreiung, wenn man sich nicht mehr verstecken muss. Ich muss keine Angst mehr haben, dass mich jemand auf dieses Thema anspricht. Ich muss keine „wandernden Augen“ zum Haarersatz mehr ertragen, die mich so massiv verunsichert haben. Und ich lasse mir vom Haarausfall nicht mehr die Lebensfreude nehmen.

Dieser Schritt zur Offenheit war für mich aber nur möglich, weil ich endlich den Haarersatz gefunden hatte, der mich wieder so aussehen ließ, wie ich immer aussehen wollte. Jetzt, wo niemand mehr sieht, dass ich Haarteile trage, kann ich endlich dazu stehen – ja, erzähle ich sogar allen davon, selbst wenn sie nicht danach fragen.

Angriff ist die beste Verteidigung

Ich kann also nachvollziehen, dass das ein schwerer Schritt ist. Und vielleicht ist es auch nicht für jede(n) sofort umsetzbar. Ich möchte euch aber dennoch empfehlen, darauf hinzuarbeiten. Wenn das nächste Mal jemand eine Bemerkung zu euren Haaren macht, dann antwortet ihm/ihr einfach: Ja, ich habe Haarausfall. Ja, ich trage ein Haarteil. Ja, ich trage eine Perücke. Entweder entwickelt sich daraus ein respektvolles Gespräch und ihr könnt erzählen, warum und wieso. Oder der/die andere ist baff und sagt nichts mehr dazu.

Wie schon eingangs geschrieben – die anderen könnt ihr nicht ändern. Ändert also lieber euren Umgang mit dem Thema. Wenn ihr euch nicht dafür schämt (und warum solltet ihr?), dann bietet ihr auch keinen Angriffspunkt.

Hattet ihr eurer „Coming out“ schon oder steht es euch noch bevor? Erzählt es mir gern in den Kommentaren!

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